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Erstbemusterung: Ablauf von der Anfrage bis zur Serienfreigabe
Erstbemusterung heißt: bevor ein neues oder geändertes Teil in Serie geht, weist der Lieferant mit den ersten Teilen aus dem Serienprozess nach, dass alles stimmt. Der Ablauf Schritt für Schritt – von der Bestellung bis zur Freigabe –, dazu die Anlässe und was »nach VDA« und »nach PPAP« unterscheidet.
Was Erstbemusterung ist
Bei der Erstbemusterung fertigt der Lieferant die ersten Teile – die Erstmuster – unter Serienbedingungen, misst sie vollständig gegen die Zeichnung und legt das Ergebnis seinem Kunden zur Freigabe vor. Erst mit dieser Freigabe darf er in Serie liefern.
Nachgewiesen werden zwei Dinge: dass das Teil der Zeichnung und der Spezifikation entspricht, und dass der Prozess, der es herstellt, das wiederholbar kann. Das Kernstück ist der Erstmusterprüfbericht (EMPB), der Maßbericht aller Merkmale. Um ihn herum liegen, je nach Kunde und Stufe, weitere Nachweise: Werkstoffzeugnis, Prozessunterlagen, Fähigkeitsnachweise.
In der Automobilindustrie folgt die Erstbemusterung einem festen Verfahren: in Deutschland meist der Produktionsprozess- und Produktfreigabe (PPF) nach VDA Band 2, bei amerikanischen Kunden dem Production Part Approval Process (PPAP) der AIAG. Kunden außerhalb der Automobilindustrie verlangen oft einfach »einen Erstmusterprüfbericht«. Der Ablauf ist in allen Fällen im Kern derselbe.
Der Ablauf in acht Schritten
1. Anfrage und Bestellung: die Bemusterungspflicht erkennen
Dass bemustert werden muss, steht in der Bestellung oder in den kundenspezifischen Anforderungen – oft in einer Zeile wie »Erstmuster nach VDA Band 2« mit einer Vorlagestufe, oder als PPAP mit einem Level. Diese Zeile wird leicht überlesen, und dann fällt die fehlende Bemusterung erst auf, wenn der Kunde danach fragt.
Klären Sie deshalb gleich zu Beginn schriftlich:
- nach welchem Verfahren bemustert wird – VDA Band 2, PPAP oder eine eigene Vorgabe,
- welche Vorlagestufe bzw. welches Level gilt,
- welches Formblatt der Kunde erwartet – oft sein eigenes, aus dem Lieferantenportal,
- wie viele Musterteile er sehen will und welche Anlagen dazugehören,
- welche Zeichnung in welchem Index gilt.
Die gültige Zeichnung holen Sie aus dem Portal oder direkt vom Kunden und vergleichen den Index mit der Bestellung. Ein Bericht gegen einen alten Index ist ein Bericht gegen das falsche Teil.
2. Die Zeichnung ballonieren
Jedes prüfpflichtige Merkmal der Zeichnung bekommt eine Nummer in einem Ballon: Maße mit und ohne Toleranz, Passungen, Gewinde, Rauheiten, Form- und Lagetoleranzen, aber auch Hinweise wie »alle Kanten entgratet«. Diese Nummern tragen den ganzen Bericht – Nummer 17 auf der Zeichnung ist Zeile 17 im Maßbericht. Wie das geht und welche Merkmale fast jeder vergisst, steht in Zeichnung ballonieren.
3. Den Prüfplan festlegen
Für jedes Merkmal wird festgelegt, womit es gemessen wird: Messschieber, Bügelmessschraube, Lehre, Rauheitsmessgerät oder Koordinatenmessmaschine. Das Prüfmittel muss zur Toleranz passen – ein Messgerät, dessen Auflösung gegenüber der Toleranz zu grob ist, liefert eine Zahl, aber keine Aussage. Welches Messmittel zu welcher Toleranz passt, rechnet der Prüfmittel-Empfehler vor. Jedes benutzte Prüfmittel braucht eine gültige Kalibrierung.
Besondere Merkmale – auf der Zeichnung vom Kunden gekennzeichnet – verdienen dabei eigene Aufmerksamkeit: für sie verlangen viele Kunden zusätzlich einen Fähigkeitsnachweis.
4. Musterteile fertigen und messen
Die Musterteile entstehen unter Serienbedingungen: mit Serienwerkzeug, auf der Serienmaschine, mit dem Serienprozess. Fünf Teile, von Hand und mit besonderer Sorgfalt gefertigt, belegen, dass das Teil machbar ist – nicht, dass die Serie es liefert.
Gemessen wird jedes Merkmal an jedem Musterteil, und jeder Messwert wird einzeln eingetragen, nicht als Mittelwert. Wie viele Teile es sein müssen, hängt am Verfahren und an der Vorgabe Ihres Kunden – mehr dazu in VDA 2 oder PPAP?. Ein Fähigkeitsnachweis für besondere Merkmale braucht eine eigene, deutlich größere Stichprobe; aus den Musterteilen allein lässt er sich nicht seriös rechnen. Warum, steht in Cpk berechnen.
5. Bericht und Anlagen zusammenstellen
Aus den Messwerten entsteht der Erstmusterprüfbericht: je Merkmal eine Zeile mit Zeichnungsangabe, Grenzmaßen, Prüfmittel, Messwerten und Urteil i.O. oder n.i.O. Darüber liegt das Deckblatt – nach VDA Band 2 das PPF-Deckblatt, bei PPAP der Part Submission Warrant (PSW) – mit Anlass, Stufe, Gesamturteil und Unterschrift. Wie ein ausgefüllter Bericht aussieht, zeigt die EMPB-Vorlage mit einem durchgerechneten Muster.
Dazu kommen die Anlagen, die Ihre Stufe verlangt, zum Beispiel:
- die ballonierte Zeichnung im gültigen Index,
- das Werkstoffzeugnis nach EN 10204, dessen Chargennummer zu den Musterteilen passt,
- die Materialdatenmeldung im IMDS,
- je nach Stufe Prozessablauf, Prozess-FMEA, Produktionslenkungsplan, Messsystemanalyse und Fähigkeitsnachweise.
Was bei PPAP in welchem Level eingereicht wird und was nur bereitliegen muss, sagt Ihnen der PPAP-Umfangsplaner; die vollständige Liste zum Abhaken steht in der PPAP-Checkliste.
6. Einreichen
Der Bericht geht meist über das Lieferantenportal des Kunden oder als PDF per E-Mail; viele Portale erwarten ein bestimmtes Format und einen bestimmten Dateinamen. Die Musterteile werden gekennzeichnet und so verschickt, dass jedes Teil seiner Spalte im Bericht zuzuordnen ist. Halten Sie fest, wann was an wen ging – und fragen Sie nach, wenn es still bleibt.
7. Die Entscheidung des Kunden
Der Kunde prüft Bericht, Anlagen und Teile und entscheidet. In der Praxis gibt es drei Ausgänge:
- Freigabe. Das Teil darf in Serie geliefert werden.
- Freigabe mit Auflagen (auch »bedingte Freigabe«). Geliefert werden darf, aber mit Bedingungen – etwa einer Frist, bis zu der eine Abweichung behoben oder ein fehlender Nachweis nachgereicht ist.
- Ablehnung. Ursache beheben, erneut bemustern. Abgelehnt wird oft nicht wegen des Teils, sondern aus formalen Gründen: falscher Index, falsch angekreuzter Anlass, fehlende Anlage.
Ein Merkmal außerhalb der Toleranz ohne Abweichungsgenehmigung des Kunden führt in der Regel zur Ablehnung, bestenfalls zu einer Freigabe mit Auflagen. Ein n.i.O. gehört deshalb offen auf das Deckblatt, mit dem, was daraus geworden ist – nicht versteckt in einer Zeile weit unten.
8. Serie, Archiv und Requalifikation
Mit der Freigabe beginnt die Serie. Bericht, Zeichnung und Nachweise gehören so abgelegt, dass Sie sie im Audit und bei der nächsten Änderung wiederfinden. Bei Teilen mit sicherheitsrelevanten Merkmalen gelten oft längere Fristen; maßgeblich ist die Vorgabe des Kunden.
Viele Kunden verlangen außerdem eine Requalifikation: die Wiederholprüfung aller Merkmale während der Serie, auch wenn sich nichts geändert hat – oft jährlich. Den Rhythmus legt der Kunde fest.
Wann eine Erstbemusterung fällig ist
Nicht nur neue Teile werden bemustert. Jede Änderung, die das Teil oder seinen Prozess berühren kann, löst in der Regel eine neue Bemusterung aus – ein neuer Bericht, keine Korrektur des alten. Die häufigsten Anlässe:
- Neues Teil oder erste Lieferung einer Teilenummer,
- Änderung der Zeichnung – ein neuer Index, auch wenn »nur ein Maß« anders ist,
- Wechsel des Lieferanten – des Werkstofflieferanten oder eines Unterlieferanten, etwa für Beschichtung oder Wärmebehandlung,
- Änderung des Prozesses – anderes Fertigungsverfahren, neues oder geändertes Werkzeug, eine andere Maschine, ein anderer Standort.
Dazu kommen weitere Anlässe, etwa die Wiederaufnahme nach längerer Unterbrechung oder die Bemusterung nach einer Reklamation. Die ausführliche Liste steht in VDA 2 oder PPAP? Welcher Anlass auf dem Deckblatt angekreuzt wird, bestimmt mit, welche Nachweise der Kunde erwartet – der Anlass ist deshalb keine Formalie.
Erstbemusterung nach VDA Band 2 oder nach PPAP
Beide Verfahren wollen dasselbe wissen und verlangen im Kern dieselben Daten. Sie unterscheiden sich im Zuschnitt und in den Wörtern:
- Nach VDA Band 2 (PPF)
- Verlangt von deutschen Automobilherstellern und ihren großen Zulieferern. Das Deckblatt ist das PPF-Deckblatt, der Umfang richtet sich nach der Vorlagestufe. Das Verfahren ist prozessorientiert und lässt Raum für Vereinbarungen zwischen Kunde und Lieferant. Die Formblätter sind deutsch, neuere Vorlagen zweisprachig.
- Nach PPAP (AIAG)
- Verlangt von amerikanischen Herstellern und ihren Lieferketten, verbreitet auch bei Kunden in Asien. Das Deckblatt ist der Part Submission Warrant (PSW), der Umfang richtet sich nach dem Level, die Nachweise folgen einer festen Liste von Elementen. Die Unterlagen sind englisch – auch wenn das Werk des Kunden nebenan liegt.
Eine Vorlagestufe nach VDA ist nicht dasselbe wie ein PPAP-Level mit derselben Zahl. Übersetzen Sie das eine nie stillschweigend ins andere; maßgeblich ist die Matrix Ihres Kunden. Den ausführlichen Vergleich finden Sie in VDA 2 oder PPAP?, die Stufen im Einzelnen in PPAP Level 1 bis 5.
Wo die Erstbemusterung in der Praxis hakt
- Die Bemusterungspflicht wird zu spät bemerkt. Dann entstehen Musterteile, bevor Stufe, Formblatt und Stückzahl geklärt sind.
- Der Index stimmt nicht überall. Bestellung, gestempelte Zeichnung und Deckblatt müssen denselben Index tragen.
- Merkmale fehlen. Besonders Hinweise im Text und Maße ohne Toleranz – sie haben eine Allgemeintoleranz und werden gemessen.
- Das Werkstoffzeugnis passt nicht. Die Charge auf dem Zeugnis ist nicht die der Musterteile, oder das Zeugnis fehlt noch.
- Ein Cpk aus den Musterteilen. Für eine Fähigkeitsaussage sind es zu wenige Werte.
Den Ablauf einmal ausprobieren
In den Schritten zwei bis fünf wird von Hand viel abgeschrieben: Maße von der Zeichnung in eine Tabelle, Messwerte vom Protokoll ins Formblatt. irot Erstmuster beginnt bei der PDF-Zeichnung – gestempelte Zeichnung, Prüfplan und Erstmusterprüfbericht entstehen aus ihr; gemessen wird weiterhin bei Ihnen. Wer den Ablauf erst ansehen möchte, kann sich registrieren und mit einer Beispielzeichnung beginnen, ohne eigene Zeichnung.
Quellen und Stand
- VDA Band 2 »Sicherung der Qualität von Lieferungen – Produktionsprozess- und Produktfreigabe (PPF)«, Verband der Automobilindustrie – als Verfahren genannt, ohne Wiedergabe des Wortlauts.
- Production part approval process, Wikipedia (englisch), abgerufen 11.09.2026: Deckblatt (PSW), Levels und Elemente des PPAP.
- Eigene Recherche zur Praxis in deutschen Zulieferbetrieben (Stand September 2026): der Ablauf in acht Schritten, die Ausgänge der Kundenentscheidung und die typischen Stolpersteine beschreiben die übliche Praxis – sie sind keine Normaussage.
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